Jahrestag von „Oluja“: Hier sind selbst die „Sieger“ Besiegte

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Hrvatska Dubica ist verlassen
Foto: S. Mišljenović

Eigentlich ist es ein malerischer kleiner Ort. Am linken Ufer der Una gelegen zeugt er von den landschaftlich schönen Seiten im Grenzgebiet zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowinas.

Aber Hrvatska Dubica hat eine schreckliche Vergangenheit, welche bis heute ihren Schatten auf den kleinen Ort mit nicht einmal 1.000 Einwohnern wirft. Dabei muss man sich gar nicht einmal an den Zweiten Weltkrieg erinnern, als die Ustaše ganz in der Nähe ein KZ betrieben. Damals hieß der Ort im Übrigen auch noch Dubica. Aber es geht um eine weitaus jüngere Katastrophe, wie man schon erahnen kann.

Denn vor 26 Jahren, am 4. August 1995, stand der Ort im Zentrum der Operation „Oluja“, mit welcher die Kroaten die Serben der Krajina vertrieben. Die serbischen Einwohner verloren damals alles. Wer Glück hatte, kam mit dem nackten Leben davon. Zehntausende Menschen wurden damals vertrieben.

Aber auch den kroatischen Einwohnern blühte kein gutes Schicksal. Nach der verbrecherischen Aktion flüchteten auch sie aus Hrvatska Dubica.

Den verbliebenen Einwohnern mangelt es heute an allem. In einer Gasse mit dreißig Häusern, aber lediglich drei sind noch bewohnt. Es gibt gerade einmal zwei Geschäfte und eine Bäckerei. Einen Metzger sucht man stattdessen vergebens. Diesen findet man nur auf der rechten Seite der Una.

Denn hier steht Kozarska Dubica, die Stadt auf dem Territorium der Republika Srpska. Wer in Hrvatska Dubica lebt, arbeitet normalerweise auf der anderen Flussseite, geht dort zum Arzt und kauft dort ein.

Bei all dem Elend überrascht es auch nicht, dass wenn in Zagreb Feiern zu ihrem widerlichen „Sieg“ während Oluja begangenen werden, es in Hrvatska Dubica still bleibt. Hier gibt es keinen Grund für irgendeine Feier. Auch Bilder von Ante Gotovina, dem Täter von „Oluja“ gibt es hier, anders als in Zagreb an solchen Tagen, nicht. Selbst kroatische Fahnen wehen nicht im Wind.

Nur ein paar alte Leute sind übrig

Wer in den sterbenden Ort fährt, trifft meistens nur ein paar alte Leute. Diese sind überrascht, wenn sie überhaupt einmal ein fremdes Gesicht sehen.

Wie Milivoje Čakalo, einer der wenigen Einwohner berichtet, blickt der Ort keiner Zukunft mehr entgegen: „Hier sind keine Serben oder Kroaten mehr. Alle sind geflüchtet. Meine drei Töchter sind in die Welt hinausgezogen.“

Über „Oluja“ spricht er nur ungern.

„Es ist, als ob es gestern gewesen wäre. Die Kroaten waren schnell. Ich war an der Front und meine Frau Nada mit unseren drei Kindern alleine zuhause. Es hieß auf einmal: Traktor starten und so schnell wie möglich über die Brücke zu unserer Dubica“, erinnert sich der Alte. Innerhalb von gerade einmal 85 Stunden mussten die Serben fliehen.

In den ersten Jahren nach dem Krieg sei er ab und zurückgekehrt. Damals war Hrvatska Dubica noch über und über mit kroatischen Flaggen und Fahnen behängt. Es tat ihm weh, dies zu sehen.

„Die Flucht der Serben wurde gefeiert. Auch hier, wenn man ehrlich ist. Und jetzt, seit einigen Jahren, gibt es niemanden mehr, der ihre Flagge hissen könnte. Sie haben uns Serben vertrieben, aber auch ihre eigenen Kroaten vernichtet. Als ihnen klar wurde, dass sie Brot, Mich und alles andere, was sie zum Leben brauchen nur in Kozarska Dubica kaufen können, setzte bei den Kroaten große Ernüchterung ein. Sie hörten dann auf, über „Oluja“ zu sprechen“, erinnert sich Milivoje.

Die Kroaten kappten also mit der Vertreibung ihrer serbischen Nachbarn auch die Lebensadern ihrer eigenen Stadt.

Erinnerungen an den Tag der Vertreibung

Eines der verbliebenen serbischen Ehepaare, die beiden Rentner Stevan und Nada sind 2002 in ihren Heimatort zurückgekehrt. Auch sie erinnern sich noch an „Oluja“:

„Oluja begann, als unser Sohn 18 Monate alt war. Wir flohen mit ihm im Arm nach Serbien. Wir lebten in Stara Pazova und beschlossen irgendwann zurückzukommen. Unser Haus war damals geplündert worden. Lediglich eine Kaffeetasse war noch übrig. Nur langsam konnten wir uns wieder einfinden“, erzählt Stevan.

„Man hat hier kein Leben. Es gibt keine Jugend. Alle sind in die Welt hinausgegangen. Es gibt nicht einmal jemanden, der sich noch die Mühe macht, mit einem zu streiten. Die einzigen Orte hier, an denen man noch Menschen trifft, sind die Friedhöfe. Serben und Kroaten gehen da gemeinsam hin. Dort kommen wir zusammen und dann geht jeder wieder in sein Haus. Die Tage zeihen in absoluter Stille vorbei. Wir erinnern uns beide noch an früher. Die Schule hier war voll mit Schülern. In jedem Jahrgang bis zur achten Klasse gab es mindestens drei Klassen mit dreißig Schülern. Heute gibt es noch insgesamt ein Dutzend Schüler. Das ist die Folge von „Oluja“, berichtet der Rentner.

Seine Frau Nada ergänzt, dass man manche serbischen Häuser im Ort gar umsonst bekommen könne. „Aber hier leben nur noch die wenigen Einheimischen. Die zugezogenen Kroaten sind längst nach Deutschland oder Irland gegangen. Nur ein paar hier geborene Serben und eine Hand voll Kroaten sind noch übrig.

Eine baldige Geisterstadt

Im Stadtzentrum befindet sich vor dem Rathaus noch der sogenannte Franjo-Tuđman-Platz. Sein Name prangt auf einer der Ruinen. Die Hauptstraße nennt sich Dubičkih domobrana. Damit jeder sieht, wer hier damals „gewonnen“ hat.

Unweit dessen befinden sich der katholische und der orthodoxe Friedhof des Ortes. Die serbisch-orthodoxe Kirche ist bis heute beschädigt. 26 Jahre nach dem Krieg. Aber es gibt weder Geld noch irgendjemanden, der sie renovieren könnte. Es ist ein trauriger Anblick.

Nada erzählt, dass es letztes Jahr noch schlimmer war als sonst. Aufgrund der Coronapandemie konnten die Einwohner nicht nach Kozarska Dubica hinüber.

„Die Grenzer drohten uns und sagten, dass wir isoliert bleiben müssten. Aber was für eien Isolation sollte das sein? Wir sind seit 26 Jahren von der Außenwelt isoliert. Es gibt über etliche Kilometer niemanden, den man anstecken könnte“, sagt Nada.

So steht Hrvatska Dubica still und leise als ein Mahnmal. Nicht nur für die Sinnlosigkeit des Krieges im Allgemeinen oder die kroatischen Verbrechen in den 1990er Jahren. Sondern für die vielen Vergessenen, die es nach jedem Krieg gibt.

Das Schicksal des Ortes ist besiegelt. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann er zu einer richtigen Geisterstadt wird. Denn wer sollte hier hinziehen und ihn wieder aufbauen und besiedeln?

Quelle: novosti.rs

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